Text: It’s Peak Air, Stupid!

Entwicklung der CO2-Konzentration in der Atmosphäre (ppm).  Vergangene 2000 Jahre (großes Bild) und seit 1970 (Detailausschnitt, "Keeling-Kurve"). Quelle: http://wiki.bildungsserver.de/klimawandel/index.php/Klimawandel:Portal

Entwicklung der CO2-Konzentration in der Atmosphäre (ppm). Vergangene 2000 Jahre (großes Bild) und seit 1970 (Detailausschnitt, „Keeling-Kurve“). Quelle: http://wiki.bildungsserver.de

Peak Oil, also das absehbare Versiegen der fossilen Energieträger Öl und Gas hat mittlerweile den Weg in das öffentliche Bewusstsein gefunden. Steigende Strom-, Benzin- und Gaspreise erinnern uns täglich daran, dass unsere Wirtschaftssysteme völlig auf der klimaschädlichen Ausbeutung der natürlichen Ressourcen beruhen und wir fast ausschließlich auf eine Technologie setzen, deren verschwenderisches Prinzip seit Beginn der Industrialisierung nicht weiterentwickelt worden ist: Ohne die Verbrennung der fossilen Energieträger Kohle, Öl und Gas geht fast nichts in unserem Alltag! Dennoch werden Förderländer, Industrie und Politik nicht müde zu betonen, dass reichlich Reserven für viele weitere verschwenderische Jahre vorhanden seien. Wie selbstverständlich unterstellen dabei alle, dass jeder Tropfen Öl und jede Tonne Kohle, die gefunden werden, auch verfeuert werden können. Dass dies ein großer Irrglaube ist, zeigt der US-amerikanische Journalist Bill McKibben und Gründer unserer Dachorganisation „350.org“ mit einer bestechend simplen Rechnung (siehe auch die dt. gekürzte Fassung als Gastbeitrag in der TAZ).

Das 2°-Ziel endlich ernstnehmen

Einst hat sich die Politik mit dem Copenhagen Accord darauf geeinigt: Die Erderwärmung soll auf 2° Celsius begrenzt werden. Das ist die oberste Grenze dessen, was das globale Ökosystem wahrscheinlich noch verkraften kann, ohne dass eine endgültige Katastrophe eintritt. Dabei sind schon heute die ersten Folgen des Klimawandels deutlich sichtbar: Die Gletscher schmelzen und das Eis der Polkappen geht rasend schnell zurück, der Meeresspiegel steigt kontinuierlich an. Die Berichte über extreme Unwetter, Dürren und Überschwemmungen häufen sich. In Deutschland kommen die “Jahrhundertfluten” schon im Abstand von nur elf Jahren. Auf dem Balkan ist gerade so viel Regen gefallen, wie noch nie seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Mindestens 20 Menschen sind bislang zu Tode gekommen, unzählige haben ihre Häuser verloren. In Kalifornien loderten Buschbrände den gesamten Winter hindurch, das Land ist heute so trocken wie sonst nach einem ganzen Sommer.

Der NASA-Wissenschaftler James Hansen hat gemeinsam mit anderen renommierten Forschern aus den USA, Großbritannien und Frankreich die Geschichte des Erdklimas analysiert und schon 2008 den erschreckenden und eindeutigen Befund veröffentlicht: Seit dem Beginn menschlichen Lebens auf der Erde lag die Konzentration des Treibhausgases Kohlendioxid in der Atmosphäre recht konstant bei 275ppm (parts per million). Mit Entdeckung der Kohle vor 200 Jahren ist sie jedoch bis heute um mehr als ein Drittel auf den historischen Maximalwert von mittlerweile 400ppm angestiegen und sie steigt jährlich weiter um 2ppm (siehe Grafik oben). Um die Erde wie wir sie heute kennen zu erhalten, muss dieser tödliche Prozess nicht nur stagnieren, die Konzentration muss umgehend wieder auf höchstens 350ppm gesenkt werden! Diesem Jahrhundertziel haben wir uns verpflichtet und unsere Organisation „350.org“ danach benannt.

Schluss mit Exxon, RWE & Co.

Um die Klimaziele zu erreichen und die absehbare globale Katastrophe zu verhindern, darf die Menschheit bis zum Jahr 2050 „nur“ noch 565 Gigatonnen (Gt.) Kohlendioxid in die Atmosphäre abgeben. Dagegen hat die fossile Brennstoffindustrie schon heute 765 Gt. registriert und will diese für ihren Profit verbrennen. Weltweit sind darüber hinaus nochmals 2.200 Gt. CO2 in Form von Öl-, Gas- und Kohlevorkommen entdeckt und kartographiert. Die Konsequenzen sind schlicht unvorstellbar und trotzdem suchen die fossilen Unternehmen immer weiter und weiter, statt einen Teil ihrer riesigen Gewinne in neue saubere Technologien zu investieren.

Vor diesem Hintergrund wird schnell klar, dass es gar nicht um Peak Oil, also das Versiegen der fossilen Rohstoffquellen geht. Der eigentliche Befund heißt Peak Air! Die Grenze der menschlichen Rohstoffverschwendung sind nicht mangelnde Ölreserven, sondern viel eher die Atmosphäre dieses Planeten (das hat nun sogar der BND erkannt).

In der Sprache der Wirtschaft: Divestment!

350.org will mit dem marktwirtschaftlich-orientierten Konzept “Divestment” und der Kampagne „GoFossilFree!“ frischen Wind in die europäische Klimabewegung bringen und Politik und Industrie endlich zu verantwortungsbewusstem Handeln zwingen. Das Konzept basiert auf einer klassischen Wirtschaftssanktion: Die öffentlichen und privaten Haushalte sollen ihre womöglich derzeit noch profitablen, aber gleichzeitig zerstörerischen Investitionen und Geldanlagen aus der fossilen und nuklearen Brennstoffindustrie abziehen und gezielt in erneuerbare Energien investieren. Unternehmen wie RWE oder E.ON haben ohnehin die Gewinnzone längst verlassen, freilich ohne dass auch nur ein Teil der einst schwindelerregenden Profite für eine Erneuerung der Energieinfrastruktur zur Verfügung stünde. Die Riesengewinne von früher sind längst in den Taschen der Aktionäre versickert, übrig sind marode Konzerne und ein Kraftwerkspark, den niemand braucht und dessen Betrieb diesen Planeten absehbar ruiniert.

Das Konzept ist nicht neu und hat schon einmal global funktioniert. In den 1970er und 1980er Jahren gab es eine starke Desinvestitionsbewegung in den USA und Großbritannien, die erfolgreich zum Sturz des südafrikanischen Apartheidregimes beigetragen hat. Nach seiner Freilassung ist Nelson Mandela zu den Studierenden der University of California gereist, um sich bei ihnen für ihre Initiative und ihr Engagement zu bedanken. Damals wie heute sind Studierende ein wichtiger Teil der Bewegung, denn gerade in den USA und in England sind die Universitäten mit ihrem immensen Stiftungskapital mächtige Zielinstitutionen.

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